Tuesday, January 29, 2013

Umgestaltung einer Mädchenkiefer - German only

Article written for the magazine of Bonsaiclub Deutschland.

Umgestaltung einer Mädchenkiefer

von Walter Pall
walter-pall.de

Mädchenkiefern sind in Deutschland sehr beliebt, mehr noch als Schwarzkiefern. Leider sind diese Bäume in Mitteleuropa nicht sehr beständig. Es gibt sehr viele Bonsaienthusiasten, die die Baumart nicht lange halten können. Die Gründe sind unbekannt. Aber es ist Tatsache, dass ein sehr hoher Prozentsatz früher oder später zu schwächeln beginnt. Einige Nadelbüschel werden hell grün statt wie vorher dunkel- bis blaugrün. Dann werden es immer mehr und einige sind dann gelb. Bei den gelben sterben die Nadeln ab und diese Ästchen sind dann tot. Es folgen immer mehr. Der Baum stirbt langsam von unten nach oben. Viele meinen, es handelt sich um eine Pilzerkrankung. Fungizide nützen jedoch leider nicht. Nach spätestens drei Jahren ist der Baum dann endgültig erledigt oder wegen ganz großer Schäden wertlos. Das trifft ganz besonders Sämlinge, also solche Mädchenkiefern, die auf eigenen Füßen stehen. Die meisten importieren Pfropfungen auf Schwarzkiefer sind etwas härter. Trotzdem gibt es einige Gärtner, die über viele Jahre kein Problem mit der Baumart haben. Bei genauem Hinsehen machen die aber auch nichts anderes als der Rest.

 Ich selbst habe in ca. dreißig Jahren wohl mehr als zwei Dutzend Mädchenkiefern verloren ohne zu wissen warum. Die Baumart war dann lange Zeit für mich tabu. Eines Tages erhielt ich in einem Großtausch die hier gezeigte Kiefer. Ich fand sie deutlich besser als die allermeisten, die hierzulande zu sehen sind.. Tatsächlich war es ein Baum, der in Italien gegen stärkste Konkurrenz schon viel Preise gewonnen hatte. Der Baum sah auch sehr gesund aus, für eine Mädchenkiefer allemal. Trotzdem hatte ich gemischte Gefühle; ich wollte es jedoch noch einmal wissen.

 Der Baum kam im September 2009 zu mir und war überall blaugrün. Er wurde im Freien ohne großen Schutz überwintert, weil ich wusste, dass Mädchenkiefern das sehr gut aushalten, ja geradezu mögen. Ab Anfang April wurde, wie bei allen anderen Bäumen kräftig mineralisch mit hohem Stickstoffanteil gedüngt. Der Baum sprach sehr gut darauf an. Im Mai wurde dann mit einer Hand voll getrocknetem Hühnermist gedüngt. Gegen Ende Mai wurde dann eine Seite das Baumes hell grün. Mir schwante ganz schlimmes. Ähnliches hatte ich bei Zirbelkiefern erlebt, die ja auch fünfnadelig sind, also nahe verwandt mit der Mädchenkiefer. Die Zirbelkiefer hatte ich erfolgreich mit zusätzlichem Spezialdünger behandelt, der sehr viele ganz seltene Mineralien enthielt, die nicht in allen Düngern vorhanden sind. Ein Bonsaifreund gab mir den Tipp, noch zusätzlich mit viel Eisen zu düngen. Ja wie - mit Eisen? Nun, es gibt im Fachhandel ganz dünn gemahlenes Eisenpulver, das speziell für Düngung angeboten wird und gar nicht viel kostet. Mangels genauer Anweisungen streute ich zwei Esslöffel voll auf die Erdoberfläche der Mädchenkiefer und dasselbe auch bei meinen Zirbelkiefern. Das Eisen wurde danach beim Gießen eingewaschen. Tatsächlich - drei Wochen später wurde alles wieder dunkel grün. Seither mache ich das dreimal in jeder Vegetationsperiode und unbedingt eine Woche nach kräftiger organischer Düngung. Dasselbe geschieht bei mir übrigens auch mit allen Azaleen. Auch da mit großem Erfolg.

 Meine Theorie: die Bäume wollen kräftig gedüngt werden und lieben organischen Dünger. Um das Düngeangebot auch gut abzuarbeiten, benötigen sie einige oder mehrere der sehr seltenen Mineralien im Boden. In Mitteleuropa fehlt meistens dieser Anteil. Deshalb sterben, ja man kann wirklich sagen, krepieren so viele Mädchenkiefern langsam an Mangelerscheinungen. In einigen Gärten, entweder im Boden oder im Wasser sind diese geforderten Substanzen zufällig enthalten und da gedeihen die Bäume sehr gut, ohne dass der Besitzer eine Ahnung hat warum. Durch zusätzliche Düngung mit seltenen Mineralien und insbesondere Eisen kann man diesen Mangel beheben.Das ist natürlich eine Theorie. Aber nun ist das bei mir schon drei Jahre sehr gut gegangen, was sonst immer, in jedem einzigen Fall, zu schleichendem Tod geführt hat. Da könnte wohl was dran sein.

 Zusätzlich zu lebensbedrohenden Mangelerscheinungen scheint mir noch ein anderer Grund für das Schwächeln von Mädchenkiefern vor zu liegen. Wenn sie importiert werden, stehen sie ausnahmslos in reinem Akadama. Das tut ihnen erst einmal gut, birgt aber eine große Gefahr. Das Akadama zerfällt, wenn es nass ist und tiefen Temperaturen ausgesetzt wird. Selbst im Glashaus frieren Wurzelballen bei uns im Winter regelmäßig ein, im Freien sowieso. Dadurch wird nach zwei bis drei Jahren das Akadama ein hartes, dichtes Pulver, das bei Nässe patzig wie Lehm ist und kaum Luft and die Wurzeln lässt. Wenn man die Bäume dann umtopft, ist da ein Wurzelballen, der hart wie Zement ist. Viele trauen sich nicht, den Wurzelballen auf zu brechen und setzen den Baum mit dem fast ganz intakten festen Ballen wieder in die Schale. Das wird dann immer schlimmer und eines Tages ersticken die Wurzeln. Wenn der Baum dann kränkelt, ist jedes Umtopfen mit starker Ballenlockerung gefährlich und kann dem Baum dann den Rest geben. Also wird es unterlassen. Was man dann auch macht, es kann zum Tod führen.

 Mein Rezept dagegen ist, es auf keinen Fall so weit kommen zu lassen und so bald wie möglich den Baum aus der Schale zu nehmen und den Wurzelballen vorsichtig auf zu brechen. So viel Akadama wie möglich sollte entfernt werden. Ich würde jedoch auf keinen Fall mit dem scharfen Wasserstrahl arbeiten, sondern bloß mit einem stumpfen Stöckchen oder glattem Metallstift. Dann sollte auf keinen Fall wieder Akadama eingefüllt werden, sondern Substrat, das fest ist und sich nicht zersetzen kann. Das ist dann z.B. Bims, Lavasplit, Blähton und ähnliches. Ich gebe dann 15 bis 20 % groben Torf dazu für Bäume, die eher feuchten Boden wollen, wie die Mädchenkiefer.

Neben der gärtnerischen Herausforderung sind Mädchenkiefern auch künstlerisch anspruchsvoll. Bei den auf Schwarzkiefer stehenden ist oft die Propfstelle problematisch. Der Übergang von Schwarz- zu Mädchenkiefer erfolgt zu abrupt und wirkt unharmonisch. Leider kann man davon ausgehen, dass sich dieser Fehler nicht beheben lässt; im Gegenteil, er wird langsam schlimmer. Deshalb ist es ganz wichtig, bei der Auswahl des Baumes keine Kompromisse ein zu gehen. Die Krone ist regelmäßig traditionell geformt: Alle Äste sind waagrecht, die Etagen wirken wie dichte Wolken, der Aufbau ist regelmäßig nach 'Vorschrift'. Das Ergebnis ist, dass der Baum eben wie ein 'Bonsai' aussieht, also künstlich, im schlimmsten Fall richtiggehend unnatürlich und einer wie der andere. Nun, das ist selbstverständlich Geschmackssache. Wer sich eine solche Mädchenkiefer anschafft, der mag das wohl. Aber man muss es nicht mögen. Es ist durchaus möglich, den Baum zu 'naturalisieren', wie man an meinem Beispiel sieht.

 Als ich den Baum erhielt, dachte ich zuerst, ich sollte ihn so lassen wie er war - ein deutlich 'gemachter', künstlicher Baum mit kräftigen pudelartigen Astetagen, die ganz waagrecht standen - künstlich zweifellos, aber trotzdem gut und so typisch traditionell. Allerdings war das überhaupt nicht mein Geschmack. Für mich war das sicher kein Kunstwerk, sondern gutes Handwerk, eher 'konstruiert', stereotyp, einer aus einer Serie von tausenden. Damit wollte ich nicht zufrieden sein. Irgend wann habe ich mich dann entschlossen, die Vorderseite drastisch zu ändern und zu versuchen, die Krone viel natürlicher zu gestalten. Die Äste wurden nach unten gebogen, die wolkenartigen Astetagen aufgelöst und die gesamte Krone durchsichtig gemacht. Das Ziel war es, einen deutlich älter und reifer aussehenden Baum zu erhalten. Der Betrachter mag selbst entscheiden, ob mir das gelungen ist.
Bild 1: 2009-09:Die Mädchenkiefer war einige Jahre im Besitz von Mauro Stemberger in Italien. Dort hat sie einige große Preise gewonnen. Im Rahmen eines Großtausches fand sie im September 2009 den Weg in meinen Garten. Trotz großer Bedenken habe ich noch einmal den Versuch gewagt.
Bild 2: 2009-09: Der Baum hat einem mächtigen Stamm mit charaktervoller Borke, nicht nur im Teil, der von der Schwarzkiefer stammt, sondern auch in den Mädchenkieferästen. Die Krone ist dicht und beeindruckend. Die Pfropfstelle ist nicht sichtbar. Was soll man da noch besser machen, außer den Baum zu säubern?
Bild 3: 2009-09: Säubern ist in der Tat die erste Aktion. Alle alten Nadeln werden sorgfältig entfernt. Bei den größeren Nadelbüscheln wird auch noch etwas von den neuen Nadeln ausgezupft. So sind dann die Büschel alle fast gleich groß. Kleine, abgestorbene Äste und Stummel werden entfernt. Das ist Routinearbeit im Spätsommer. Lena ist ganz glücklich dabei.
Bild 4: 2009-09: Jetzt sieht das schon recht beeindruckend aus. Bei der Bearbeitung hat sich herausgestellt, dass der Jin nicht echt ist, sondern bloß in ein großes Loch wo ein sehr dicker Ast abgeschnitten wurde, eingeklebt. Die Mädchenkiefer wirkt sehr klassisch und ausgewogen, aber nicht langweilig, wie so viele, durch die leicht unregelmäßige Silhouette und die leichte Schräglage des Stammes.
Bild 5: 2009-09: Nun wird der Baum sorgfältig von allen Seiten studiert. Die Verjüngung des Stammes ist sehr gut, das Nebari ist vielleicht etwas zu wenig herausgearbeitet. Der Aufbau der Äste ist auch von der Seite sehr gut. Die Schale ist deutlich zu eng.
Bild 6: 2009-09: Auch von hinten macht die Mädchenkiefer eine gute Figur. Die Etagen sind klassisch horizontal aufgebaut und wirken wie schwebende Wolken. Der Baum ist sehr gesund, was in Europa leider nicht immer der Fall ist bei alten Mädchenkiefern.
Bild 7: 2010-05: Nach langem Betrachten des Baumes scheint nun diese Ansicht deutlich besser zu ein, als die 'richtige' Vorerdseite. Man fragt sich, ob das nicht schon einmal die Vorderseite war und warum dann der Baum anders eingetopft wurde. Der Grund könnte sein, dass die oberen Äste mächtig auf den Betrachter zu kommen, was man auf dem Foto nicht erkennen kann. Das stört aber nur einen Puristen.
Bild 8: 2011-04: Der Entschluss ist gefasst, die Vorderseite wird geändert. Im Frühjahr 2011 wurde dann versucht, den Baum gegen den Uhrzeigersinn in der Schale zu drehen. Das gelang jedoch nur sehr mäßig. Da stehen mächtige Wurzeln im Wege, die man nicht so einfach kürzen kann. Beim nächsten mal muss die Schale deutlich größer sein. Das Ganze sieht jedoch trotzdem schon ein wenig besser aus.
Bild 9: 2011-09: Im Herbst 2011, zwei Jahre nach Erhalt war es dann so weit. Die Mädchenkiefer wurde zu 100 % gedrahtet. Die klassischen waagrechten 'Wolken' wurden zugunsten von naturnahen, herabhängenden Ästen aufgegeben. Der falsche Jin wurde entfernt; das Loch mit Borke so überklebt, dass man es nur sieht, wenn man weiß, dass es da ist..
Bild 10: 2011-09: Von der neuen Vorderseite aus gesehen, wirkt der Baum nun viel beeindruckender, älter und mächtiger. Die Stammbewegung kommt schön heraus, die Krone hat eine starke Fließrichtung nach rechts. Auch das Nebari wirkt besser von dieser Seite.
Bild 11: 2012-03: Im zeitigen Frühjahr war der Zeitpunkt fürs Umtopfen gekommen. Die alte Schale aus Japan war recht gut, aber nicht nur wegen der Neupositionierung, sondern auch aus ästhetischer Sicht zu klein. Die neue Schale von John Pitt wirkt etwas mächtig, wenn der Baum probehalber in der alten Position eingepflanzt wird.
Bild 12: 2012-03: So sieht das nun deutlich besser aus. Der Wurzelballen wurde ganz sorgfältig teilweise aufgelöst. Mit einem glatten Metallstift wurde viel altes steinhartes Akadama entfernt. Blähton mit etwas Torfzusatz wurde sorgfältig eingearbeitet.
Bild 13: 2012-03: Beim Einsetzen in die neue Schale wurde darauf geachtet, dass der Baum um zwei Zentimeter höher gesetzt wurde. Dadurch kommen schöne Oberflächenwurzeln zu Tage, die unter der Substratoberfläche schlummerten. Die Struktur der Schale reflektiert die Borke.
Bild 14: 2012-04: Die meisten würden einen so wertvollen Baum im Winter gut schützen, damit ihm ja nichts passiert. Mädchenkiefern sind Hochgebirgsbäume, die ähnlich wie unsere Bergkiefern große Kälte sehr gut ertragen. Ich denke, sie brauchen sogar einen harten Winter und lasse den Baum ungeschützt an der Hausmauer stehen. Auch den Katastrophenwinter 2011/12 hat er so munter überlebt.
Bild 15: 2012-09: Jetzt wirkt die Mädchenkiefer 'fertig'. Der ganze Baum ist zwar noch immer gedrahtet, er erscheint aber nicht mehr frisch gestaltet. Nachdem die Nadeln vom Vorjahr gezupft waren, präsentiert er sich sehr elegant trotz seines mächtigen Stammes. Das Nebari ist jetzt sehr schön und die Schale passt gut. Nun muss bloß noch der unterste linke Ast noch etwas zulegen.
Bild 16: 2012-09: Vor schwarzem Hintergrund wirkt jeder Baum viel dichter. Die Krone sollte dauerhaft ein wenig durchsichtig gehalten werden. Die klassischen dichten 'Wolken', die unnatürlich wirken, sollten vermieden werden. Sie machen den Baum jung, während eine transparente Krone ihn leichter und älter erscheinen lässt.

2 comments:

Marc said...

I still don't understand why people are afraid to remove the old soil of a pine or conifer. I completly removed the soil of a larch in spring 2012 and the tree did fine all year long.

The needles of my Japanese white pine are as green as grass, because I did removed the old soil and it was not akadama, but simple potting soil for flowers and house plants. I planted the tree in a 70/30 mix of lava and the hardest brand of akadama. Why the lava? It's raining a lot during the spring/summer/ in the eastern part of the Netherlands. The tree is doing fine. And yes, I removed every piece of old soil during the fall of 2011. How hard can it be when it comes to removing old soil of conifers and pines? Nice tree by the way.

Punicabonsai said...

Nice tree, conveys a strong sense of strength.

greetings